bergauf / bergab

January 14, 2018


Und plötzlich waren sie wieder da, die Selbstzweifel und das Gedankenchaos, die Tränen und das überwältigende Gefühl von Leere. Als hätte ich irgendwo den falschen Abzweig genommen und statt bergauf ging es auf einmal wieder rasant in den Abgrund. Ich habe nie erwartet, dass er einfach sein würde, der Weg in ein besseres Leben. Und doch hatte ich gehofft, längst viel weiter zu sein. Weil das auch irgendwie von mir erwartet wird. Denn man sieht mir nun mal meist nicht an, wie es mir wirklich geht. Weil ich viel zu selbstreflektiert bin und mein Inneres gern für mich behalte. Und weil ich weiß, dass viele der Gedanken, die mir täglich durch den Kopf rattern, eigentlich Schwachsinn sind. Und trotzdem fällt es mir schwer, sie abzuschalten. Und trotzdem stehe ich seit Monaten an der Weggabelung und schaffe es nicht, in die richtige Richtung zu gehen. Weil da so viele Fragezeichen in meinem Kopf sind. Weil ich einfach gerade selbst nicht weiß, wo mich mein Weg überhaupt hinführen soll. Nur eins weiß ich sicher: aufwärts soll er gehen.

Gedanken, die ich vergangenen Sonntag auf Instagram teilte, nachdem ich meinen Samstagabend erst frusterfüllt auf dem Sofa und später heulend im Bett verbracht hatte. Ich weiß nicht wieso/weshalb/warum, aber irgendwie und irgendwoher hatte sich da heimlich, still und leise die Depression zurück in mein Gehirn geschlichen. Also nicht, dass sie jemals wirklich weg gewesen wäre. Aber manchmal hält sie glücklicherweise für eine Weile ihren Mund. Doch da war sie plötzlich wieder, so laut wie lange nicht mehr, und schrie mir durch den Kopf und verknotete meine Gedanken. Ich kann kaum beschreiben, wie sie sich anfühlt, diese Negativität, von der man erfasst wird wie von einer Welle.



Im Eifer des Gefechts hätte ich am liebsten mal wieder alle meine Videos gelöscht, meinen Blog stillgelegt und alle Fotos von sämtlichen Plattformen entfernt. Weil mir irgendwie alles scheiße und sinnlos vorkam; mein Content in meinen Augen eh nie gut genug ist und sowieso keinen kümmert. Das Schlimme ist: ich bin so gut darin, mir so etwas einzureden, dass ich es mir am Ende sogar selbst glaube. Auch wenn ich es eigentlich anders/besser weiß. Aber ich kann dennoch nicht leugnen, dass es mich nicht herunterzieht, mich täglich mit Followern und Likes und Kommentaren zu beschäftigen. Denn irgendwie möchte ich sie ja gern, diese Anerkennung in Form von Klicks. Das Lob und die positive Rückmeldung. Ich möchte auch mal in den Arm genommen werden und gesagt bekommen, dass ich toll bin und die Dinge super mache. Ich glaube, insgeheim möchte das jeder.

Im Hinterkopf habe ich noch die Worte meiner Ärztin, die sie mir bei meinem letzten Besuch bei ihr sagte. Besuch. Das klingt fast, als wäre es etwas angenehmes. Als würde ich mal eben auf einen Kaffee bei ihr vorbeigehen und wir würden einen netten Plausch halten. Aber in Wahrheit graut es mir schon vor meinem nächsten Termin mit ihr. Weil ich ständig wieder an die Worte denken muss, die sie mir sagte. Entschuldigung, an den Kopf warf. "Sie können nicht erwarten, dass die Leute immer nur stolz auf Sie sind und Sie in den Arm nehmen." Klar, irgendwo hat sie recht, das ist die harte Realität. Aber sagt man sowas einer depressiven Patientin, die seit einer halben Stunde heulend vor einem sitzt. Nun, offenbar ja schon. Aber sollte man ihr das so sagen? Wahrscheinlich besser nicht.



Aber darum ging es mir eigentlich gar nicht. Eigentlich ging es darum, dass ich mich seit Wochen an einer imaginären Weggabelung im Kreis drehe und das Gefühl habe, irgendwie nicht vorwärts zu kommen. Ich möchte so gern. Höher, schneller, weiter. Doch irgendwie stehe ich mir da wohl selbst im Weg. Ich möchte so gern alles mögliche erreichen. Am besten vorgestern. Und endlich mal stolz auf mich selbst sein. Unabhängig davon, ob andere das auch sind. Aber ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll. Und vorallem: wie.

Wie soll es weitergehen? Darüber habe ich lange nachgedacht. So, wie ich über alles andere auch immer ewig nachdenke. Mein Verhängnis, übrigens. Und das, was mich in letzter Zeit wahrscheinlich oft davon abhält, den ersten Schritt in die richtige Richtung zu machen und Dinge wirklich anzupacken. Jedenfalls bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es wohl am Besten für mich wäre, ich würde in eine Tagesklinik gehen. Zu Beginn meiner Depression kam das für mich nicht in Frage. Zumindest hatte ich nicht darüber nachgedacht, dass ich womöglich mal eine Einweisung in eine Klinik gebrauchen könnte. Einweisung. Das klingt irgendwie auch einfach nur krank. Aber mittlerweile bin ich zum Schluss gekommen, dass mir eine Therapiesitzung in zwei Wochen eben nicht reicht, um wirklich in absehbarer Zeit die gewünschten Fortschritte zu machen. Und irgendwie wird das ja von mir erwartet. Fortschritte machen. Gesund werden.

Auch, wenn der kleine Teufel auf meiner Schulter mir dann wieder ins Ohr flüstert, dass es anderen ja viel schlechter geht und ich vielleicht eigentlich gar nicht so krank bin und kein Recht auf einen solchen Platz in der Klinik hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. Klar habe ich ein Anrecht darauf, gesund zu werden! Gesund zu sein. Nicht für andere. Nicht, weil es von mir erwartet wird. Sondern, weil ich es möchte. Weil es endlich bergauf gehen soll. Meine Wanderschuhe habe ich auch schon bereitgestellt. Im übertragenen Sinne. Und vielleicht ist das der erste kleine Schritt, der mir hilft, mich irgendwann an der Weggabelung für die richtige Richtung zu entscheiden.

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2 comment/s

  1. Auch wenn ich dir schon länger auf YouTube und Instagram folge, jedes Video schaue und jedes Foto like... ich habe das Gefühl, Instagram und YouTube belasten dich im Moment mehr als sie dir gut tun. Jeder Freundin im realen Leben würde ich raten (und ich habe es selbst in den letzten Monaten so gemacht), sich von allem zu lösen was einen mehr fertig macht als Freude bereitet. Klar ist es schwer sich sowas einzugestehen. Du möchtest dich kreativ ausleben, und es mit der Welt teilen. Doch macht es dir gerade noch Spaß? Ich möchte dir keinesfalls zu nahe treten, und ich fände es sehr schade nichts mehr von dir zu hören, aber hast du mal darüber nachgedacht, dir eine Auszeit zu nehmen? Du kannst deine tollen Fotos ja trotzdem privat posten, als Tagebuch für dich sozusagen.
    Ich hoffe dir geht es bald besser.
    LG, Martina

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  2. Ich kenne dich nicht, ich kenne nicht den Ausmaß deiner Depression.
    Doch das Gefühl der unendlichen Leere, der Selbstzweifel, das Gedankenchaos, kenne ich zu gut, ich kann mich sehr gut mit deinen Worten identifizieren, ich weiß, wie schwer diese Gefühle und Empfindungen einem auf der Brust liegen können und manchmal jedes Beisammensein mit anderen Menschen, selbst die, die man liebt, erschwert und manchmal sogar unerträglich werden lässt.

    Jeder, der es möchte, wird seinen persönlichen Weg bergauf finden, davon bin ich überzeugt.
    Das Buch " Der Weg zurück ins Glück- Depression durch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl überwinden" von Elisha Goldstein hat mir schlagartig die Augen geöffnet und vieles in mir bewegt, vielleicht kann es dir auch helfen ?

    Vergiss nicht: du bist nicht alleine.
    Ich wünsche dir alles Gute auf dem Weg bergauf,
    Luna

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